Wenn Kinder zu Opfern werden - 07.11.2012

"Mädchen in Not" kümmert sich vor allem um Mädchen und junge Frauen, die sexuell missbraucht wurden

noj Kreuztal/Siegen/Bad Berleburg.

"Kinder sollen lernen, Nein zu sagen", erklärt Dr. Verena Lüttel, Leiterin der Beratungsstelle "Mädchen in Not" in Kreuztal. Sie sollen wissen, dass sie Nein sagen dürfen, wenn sie etwas nicht möchten, sich unwohl fühlen oder ihnen Berührungen unangenehm sind. Das und vieles mehr lernen Teilnehmer in Präventionseinheiten, die die Beratungsstelle im Kindergarten, in Schulen und in Jugendzentren anbietet - immer altersgerecht.

Bei Kindern im Grundschulalter wird zunächst nach Beispielen für gute, unangenehme und komische Gefühle gefragt: "Was für ein Gefühl ist es, wenn Papa oder Mama dich küssen?" Manchmal antworten die Kinder, dass ein Kuss unangenehm sei, wenn der Bruder dabei stehe, sonst sei es jedoch in Ordnung. Ein komisches Gefühl taucht auf, wenn ein Kuss ungewollt oder an einer intimen Stelle des Kinderkörpers vergeben wird. Ziel ist, dass Kinder lernen, Berührungen in gute und schlechte zu unterteilen und dass sie erkennen, wenn sie sexuell missbraucht werden.

Es ist besonders wichtig, Aufklärung und Prävention so früh wie möglich einzusetzen, da Kinder oftmals bereits während der Grundschulzeit sexuell missbraucht werden oder Gewalterfahrungen machen.

Sexualisierte Gewalt, so der Fachbegriff, habe sich in den vergangenen Jahren weder verringert noch erhöht, so die Einschätzung von Dr. Lüttel. Die Formen hätten sich verändert: Vor allem das Internet habe viel dazu beigetragen, dass sich Frauen und Männer einfacher vernetzen könnten, um beispielsweise Kinderpornografie zu teilen. Auch der direkte Kontakt zu den Kindern werde durch das Internet einfacher. Während es früher mehr Kinderbordelle gegeben habe, verlagere sich dies heute eher nach Fernost. Auf der anderen Seite sei insofern eine Verbesserung zu verzeichnen, als dass Kinder bereits im Kindergarten für das Thema sensibilisiert würden und unangenehme Gefühle und Berührungen so besser einordnen könnten.

2011 wurden nach Angaben der polizeilichen Kriminalstatistik 12 444 Kinder in Deutschland sexuell missbraucht. Mit einer um ein Vielfaches höheren Dunkelziffer muss dabei gerechnet werden. Die Täter kommen überwiegend aus dem direkten Familienumfeld der Kinder. Nicht selten handelt es sich bei den Tätern um Vater, Opa oder Bruder - seltener sind es die Frauen der Familie. Das hat zur Folge, dass die Täter-Opfer-Beziehung so eng ist, dass der Missbrauch - aus Angst - selten bekannt wird. Für die Kinder ist es umso schwieriger, sich ihm zu entziehen.

Sexueller Missbrauch ist dabei nicht allein das Problem von sozial schwächeren Familien. Es werde dort nur eher aufgedeckt, weil der Kontakt zwischen der Familie und sozialen Einrichtungen enger ist. "Wen interessiert, was ein Professor zu Hause macht?", fragt Verena Lüttel.

Die Sozialarbeiterinnen, die in der Beratungsstelle an der Moltkestraße 11 in Kreuztal arbeiten, sind an die Schweigepflicht gebunden, wenn sich eine Klientin ihnen anvertraut. "Die Mädchen dürfen auch kommen, ohne dass die Eltern das wissen", sagt Dr. Lüttel. Viele Mädchen hätten Scham davor, die Beratungsstelle aufzusuchen. Die Beratung ist dabei kostenlos. Die Mädchen können selbst entscheiden, ob sie den Täter anzeigen. Der Verein drängt nicht auf einen Gerichtsprozess. Manchmal scheint die Belastung so groß zu sein, dass ein Prozess nur die Wunden wieder aufreißen würde. In Deutschland besteht zudem keine Anzeigenpflicht für sexuellen Missbrauch.

Im Jahr 2011 hat das Bundesfamilienministerium 3 Mill. Euro in Präventionsarbeit investiert. Anlass waren die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Das hat vor allem für Betroffene eine größere Öffentlichkeit geschaffen. Dennoch haben es noch immer viele Menschen schwer, Verständnis für ihre Situation zu finden. Umso wichtiger, dass missbrauchte Kinder die Chance bekommen, diesen Kreislauf von Macht und Demütigung wieder zu verlassen. Die Beratungsstelle "Für Mädchen in Not" möchte dabei helfen.

In bislang 28 Präventionseinheiten im Jahr 2012 hat der Verein versucht, dazu beizutragen, dass Opfer eher bereit sind, über ihren Missbrauch zu sprechen oder ihn überhaupt als solchen zu erkennen. Denn jede dritte Frau und jeder zehnte Mann wird im Laufe ihres bzw. seines Lebens Opfer sexualisierter Gewalt.

Für den sexuellen Missbrauch von Kindern gibt es eine Verjährungsfrist von zehn Jahren, in besonders schweren Fällen kann diese Frist auf 20 Jahre ausgedehnt werden. 1994 wurde zudem festgelegt, dass die Verjährungsfrist erst dann beginnt, wenn das missbrauchte Kind seine Volljährigkeit erreicht hat. Ansonsten bestünde die Gefahr, dass die Tat bereits verjährt  ist, wenn die Jugendlichen das Elternhaus verlassen und sich endlich trauen, über ihren Missbrauch zu sprechen. Zivilrechtliche Ansprüche wie Therapiekosten oder Schmerzensgeld können nur bis drei Jahre nach dem Missbrauch geltend gemacht werden, ab dem 21. Lebensjahr.

Im Kreis Siegen-Wittgenstein sind im Jahr 2011 16 Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern bekannt geworden, wie der Sprecher der Polizei, Georg Baum, mitteilt. 13 davon hätten durch die Kriminalpolizei aufgeklärt werden können.

Siegener Zeitung 07.11.2012

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