Mit Mama spielerisch Deutsch lernen - 13.05.2016



Lehramtsstudentin Lisa Bamberger (2. von rechts) gibt Unterricht. Rechts daneben: Georgia Bäcker, die mit Ehemann Michael, Geschäftsführer der RINK GmbH, das Projekt finanziert. Foto: Marcel Krischik

 

Die Beratungsstelle für Mädchen in Not und ein Kreuztaler Ehepaar machen Mutter-Kind-Kurs möglich

 

Von Marcel Krischik

Kreuztal. Negmije, fünf Jahre jung, trägt ein rosafarbenes T-Shirt mit Disney-Motiv. Sie stammt aus Mazedonien und spricht schon ein wenig Deutsch. Sie schreibt ihren Namen auf, hoch konzentriert, mit der Zunge im Mundwinkel. Damit die Zeitung ihn auch bloß richtig druckt. Eine kleine persönliche Widmung gibt es hinten dran. Dem Kollegen vom Radio gibt das Mädchen sogar noch ein kurzes Interview. Es ist gleich 10 Uhr.

Zwei mal pro Woche leitet Lehramtsstudentin Lisa Bamberger nun einen Sprach- und Spielkurs für Flüchtlingskinder im Vorschulalter und ihre Mütter, in einem großzügigen Raum in der Kirchengemeinde Kreuztal. Möglich machen das ein Verein und zwei Privatleute: Ifpake, die Beratungsstelle für Mädchen in Not, und das Ehepaar Bäcker, das 5000 Euro Startkapital gespendet hat. Georgia Bäcker war selbst Lehrerin, heute bildet sie Lehrkräfte aus. „Sprache ist der Schlüssel“, sagt sie. Sie muss es wissen.

Spende statt Geschenke

Michael Bäcker ist Geschäftsführer des Kreuztaler Maschinenbauers RINK, der für die Getränkeindustrie produziert. Statt seine Kunden zu Weihnachten mit Präsenten zu bedenken, entschieden seine Frau und er sich dafür, in die Integration von Flüchtlingen zu investieren. Eine Herzenssache, sagt der Unternehmer.

Stadträtin Edelgard Blümel hat den Kontakt zu den Flüchtlingsfamilien aus acht Nationen hergestellt. Fast 30 Anschreiben, in denen sie das Mutter-Kind-Angebot von Ifpake vorstellte, hat sie verschickt. Blümel: „Sie kommen aus Kulturkreisen, in denen sie nicht gewohnt sind, Kinder so früh in die Obhut anderer zu geben.“ Also nimmt sie die Mütter mit ins Boot. Ganz wichtig war es ihr auch, die Eltern darauf hinzuweisen, Bedarf an Kindergartenplätzen anzumelden. Besonderes Augenmerk gilt jenen Kindern, die bald schulpflichtig werden. Die bisherige Resonanz auf den Spiel- und Sprachkurs wertet sie als „stolzes Ergebnis“.

Zwölf Kinder mit ihren Müttern waren es beim zweiten Mal – und ein Vater. Heute sind nur etwas weniger. Georgia Bäcker hofft, „dass die Väter den Mut haben, Frau und Kinder auch allein loszuschicken“.

„Sprache ist der Schlüssel.“

Georgia Bäcker unterstützt den Mutter-Kind-Kurs finanziell. Denn Papas müssen leider draußen bleiben. Dass der Kurs über den Sommer hinaus Bestand hat, wäre wünschenswert, ist aber nicht gesichert. „Wenn er sich etablieren soll“, sagt Stadträtin Blümel, „muss die weitere Finanzierung stehen.“

Nervosität auf beiden Seiten

Kursleiterin Lisa Bamberger ist zum Studieren nach Siegen gekommen. Die 27-Jährige weiß, wie es ist, eine Landesspräche nicht zu sprechen. Sie wuchs in Frankreich auf, kam als junges Mädchen nach Deutschland. Vor der ersten Stunde – eineinhalb um genau zu sein – war sie trotz reichlich Vorerfahrung im Unterrichten ziemlich nervös, gesteht sie. Ihren Schützlingen ging es nicht anders. „Einer hielt sich die ganze Zeit die Ohren zu.“ Ein anderer hatte Angst vor Seifenblasen. Dass Bamberger mit den Kindern Lieder singt, hat dagegen die Mütter anfangs irritiert. Jetzt ist es schon kurz nach zehn, Zeit endlich loszulegen. Einem Knirps haben es die Lastwagen angetan. Selig fischt er einen nach dem anderen aus der Tüte mit den Spielzeugautos. Auch auf der rot-gelben Plastikrutsche herrscht Hochbetrieb. Lisa Bamberger lächelt auffällig oft. Von Nervosität keine Spur mehr. Bei niemandem.

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Ihr Kontakt zur Ifpake-Beratungsstelle

Leiterin Verena Lüttel und die Soziapädagoginnen Duygu Gözler und Sandy Seifferth erreichen Sie unter ' 02732/4133 und per E-Mail an info@maedchen-in-not.de Fotos: Marcel Krischik

Westfälische Rundschau, 13. Mai 2016

 

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Spiel, Spaß und Integration

KREUZTAL  Kurs für Flüchtlingskindern und ihre Mütter vermittelt Sprache als Schlüsselkompetenz

Das Angebot für Familien, deren Kinder nicht in Kitas betreut werden, startete vielversprechend.

Js Das Erlernen der deutschen Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Entsprechend wichtig ist es, Flüchtlingskinder möglichst frühzeitig mit ihr in Kontakt zu bringen – und zwar bereits, bevor die Schulpflicht einsetzt. „Ein großer Teil von ihnen ist bereits in einer Kita“, berichtet Edelgard Blümel. Die Kreuztaler Sozialdezernentin weiß aber auch, dass dies nicht selbstverständlich ist. Persönliche Ansprache und Aufklärung sind nötig, insbesondere bei Familien, in deren Heimatländern es keine institutionelle Betreuung im Vorschul-Alltag gibt. Daher gebe es noch immer um die 30 Kreuztaler Flüchtlingsfamilien, die ihren Anspruch auf einen Kita-Platz nicht nutzen. Genau diese stellen nun die Zielgruppe eines neuen Sprach- und Spielkurses dar, der in der ersten Maiwoche an den Start ging.

Als finanzielle Grundlage für das Projekt dient eine Spende der Littfelder Firma Rink. Im vergangenen Jahr hatte das von Dr. Michael Bäcker geleitete Unternehmen auf Weihnachtsgeschenke für seine Kunden verzichtet und den eigentlich für diese Präsente vorgesehenen Betrag auf 5000 Euro verdoppelt (die SZ berichtete). Gemeinsam mit der Sozialdezernentin machten sich der Firmenchef und seine Frau Georgia auf die Suche nach einem geeigneten Verwendungszweck.

Über den Verein Ifpake, der an der Moltkestraße die Beratungsstelle für Mädchen in Not betreibt, wurde nun mit der Fördersumme ein Kurs auf die Beine gestellt, in dem die zweisprachig aufgewachsene Lehramtsstudentin Lisa Bamberger (früher Belgien, heute Eiserfeld) Kinder im Vorschulalter gemeinsam mit ihren Müttern spielerisch auf den deutschen Sprachalltag vorbereitet. Ziel ist es, Kinder, die keine Kitas besuchen, so vorzubereiten, dass sie einen guten Anschluss in der Grundschule finden. „Es war uns wichtig, ein Angebot zu schaffen, bei dem die Kinder nicht komplett abgegeben werden“, erläutert Mitinitiatorin Georgia Bäcker mit Blick auf die bereits erwähnte Überwindung der Migrantinnen, ihre Kinder in fremde Obhut zu geben.

Als das Kursprofil geschärft, die Kursleiterin gefunden und Räumlichkeiten in der Kreuzkirche angemietet waren, half die Stadtverwaltung bei der Kontaktaufnahme mit potenziellen Teilnehmern. In mehreren Sprachen wurden die Einladungen versandt. 17 Familien mit 29 Kindern aus der Stadtmitte wurden auf diese Weise erreicht – etwa ein Dutzend Kinder plus Mütter haben sich schließlich bei den ersten drei Kurstreffen eingefunden. Mit Händen und Füßen und ohne Scheu, auch mal den „Hampelmann“ zu machen, hat die 27-jährige Kursleiterin anfängliche Hürden überwunden zwischen sich und den Müttern und Kindern, die teilweise gar kein Deutsch und höchstens ein paar Brocken Englisch können. Französisch, ihre zweite Muttersprache, konnte Bamberger zu ihrem Bedauern bislang nicht weiterhelfen. Vielmehr setzt sie auf spielerische Didaktik. Singen, Tanzen und Spielen helfen bei der Vermittlung eines Grundwortschatzes. Zweimal wöchentlich, jeweils für anderthalb Stunden, kommen die Zugewanderten aus Ländern wie Nigeria, Albanien, Mazedonien, der Mongolei und Syrien zusammen.

Sollte das vielversprechend gestartete Angebot weitere Interessente finden, so sei ein zweiter Kurs denkbar, erklärte Ifpake-Vorsitzende Dr. Verena Lüttel. Auf welchen Zeitraum das Projekt angelegt ist, ist noch offen. Ein paar Monate lang sei zumindest die Finanzierung gesichert, auch wenn die ersten der Kurskinder im Sommer eingeschult werden, soll das Angebot bestehen bleiben.

Spielerisch bringt die fröhliche Lehramtsstudentin Lisa Bamberger (M.) den Kindern und Müttern die deutsche Sprache bei – den Schlüssel zur Integration.           Foto: Jan Schäfer

Siegener Zeitung, 13. Mai 2016

 

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