Frauen sind kein Freiwild - Bericht zu den Übergriffen in Köln - 14.01.2016

WAZ/Siegen. Siegenerinnen reagieren auf Kölner Vorfälle und zeigen auf, welche Konsequenzen die Übergriffe für Frauen haben.

Eine Woche nach den massiven Übergriffen auf Frauen am Kölner Bahnhofsvorplatz wird auch im Siegerland über die Tat und die Konsequenzen diskutiert.

Haben Frauen jetzt mehr Angst?

Martina Kratzel, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Siegen, sagt, dass jede Frau aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen und Lebenssituationen Bedrohungspotenziale ganz individuell empfinde. „Deshalb kann ich nicht beurteilen, inwieweit sich die derzeitige Berichterstattung auf Frauen auswirkt oder ob Frauen jetzt mehr Angst haben oder haben sollten.“

Grundsätzlich ist die Gleichstellungsbeauftragte der Meinung, dass Frauen sich nicht verunsichern lassen sollten und es jetzt keine neuen Verhaltensregeln für sie geben müsse. „Egal, wie sich Frauen verhalten: Sie dürfen nicht Opfer sexualisierter Gewalt werden!“ Sie ist bestürzt über die Vorfälle. „Es gibt keinerlei Toleranz für verbale oder tätliche Gewalt von Männern gegen Frauen. Frauen sind kein Freiwild.“ Sie wünscht sich, dass die Polizei personell und materiell stets so ausgestattet ist, dass sich solche Gefahrensituationen nicht wiederholen.

Was ist im Ernstfall zu tun?

Die Siegener Polizei rät dazu, sich in Notsituationen laut zu verhalten, um die Aufmerksamkeit von anderen Menschen auf sich zu ziehen. Generell sei aber davon auszugehen, dass so ein Extremfall wie in Köln in Siegen eher nicht zu erwarten sei.
Duygu Gözler ist Pädagogin und psychologische Beraterin bei IFPAKE – der Kreuztaler Beratungsstelle für Mädchen und junge Frauen in Not. Sie findet den Vorschlag der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, stets eine Armlänge Abstand zu Männern zu halten, nutzlos. „Es ist sehr unglaubwürdig, dass einem dadurch nichts zustößt. Außerdem kann man diesen Vorschlag auf einem Konzert oder ähnlichem auch nur sehr schwer umsetzen“, sagt sie.

Stattdessen rät sie Frauen, immer vorsichtig zu sein. Im Ernstfall solle man sich Hilfe von der Polizei holen und sich so schnell wie möglich außer Gefahr begeben. „Wenn man allein unterwegs ist, ist die erste Reaktion Angst. Man weiß nicht, was man tun soll“, sagt die Expertin. In ein Lokal zu laufen, um Hilfe zu holen, sei in so einer Situation sehr hilfreich.

„Nur angefasst“ – nicht schlimm?

Duygu Gözler rät Männern, sich Gedanken zu machen und Berührungen nicht als harmlos abzutun. „Ich höre oft: ,Sie wurde ja nicht vergewaltigt, sondern nur angefasst’. Aber auch Berührungen von Fremden können sehr belastend sein.“

Auch Susanne Backhaus, Sozialpädagogin bei der Siegener Frauenhilfe, beunruhigt das „Begrapschen“, das bei Frauen oft jahrelang für eine tiefe Verunsicherung sorgen kann. „Man guckt jetzt genauer hin, ob es irgendwo Ansammlungen von Männern gibt“, sagt sie. Für Backhaus sind die Ereignisse ein Zeichen für misslungene Integration. Dennoch sei es falsch, „Flüchtlinge über einen Kamm zu scheren“.

Was ist zu tun nach einem solchen Fall?

„Ich wünsche mir, dass vor allem die Frau, die die Vergewaltigung zur Anzeige gebracht hat, gute und professionelle Hilfe bekommt“, sagt Duygu Gözler. Wenn jemandem ein Übergriff widerfährt, solle er sich auf jeden Fall bei einer Beratungsstelle oder einem Psychologen melden. „Das ist ein erster Schritt, tut gut und hilft, mit dem Geschehenen umzugehen und es zu verarbeiten“, sagt sie. Im Jahr 2015 meldeten sich rund 100 junge Frauen bei ihr und ihren Kolleginnen, um über belastende Situationen zu sprechen. „Die meisten Fälle sind jene der sexualisierten Gewalt“, sagt sie. Zu dem Flüchtlingszustrom sieht sie keine Verbindung. „Wir haben genauso viele Fälle wie in den Jahren zuvor. Das ist auch eher Männersache, als Flüchtlingssache.“

Jennifer Wirth

Erschienen in der WAZ vom 06.01.2016. Den Original-Artikel finden Sie hier:
http://www.derwesten.de/staedte/nachrichten-aus-siegen-kreuztal-netphen-hilchenbach-und-freudenberg/frauen-sind-kein-freiwild-id11439259.html

 

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