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Presseartikel zum Jahresbericht von Nicole Klappert

Die meisten Beschuldigten kommen aus dem engsten Umfeld 

Beratungsstelle für Mädchen in Not des VAKS e.V. stellt Jahresbericht 2018 vor

Kreuztal – Zwölf Monate und ein paar Wochen, nachdem der Verein für Soziale Arbeit und Kultur Südwestfalen (VAKS e.V.) die Beratungsstelle für Mädchen in Not als Träger übernommen hat, luden die Verantwortlichen jetzt zur Vorstellung des Jahresberichtes 2018 in ihre Räume in der Moltkestraße ein. Mit nicht ganz 100 jungen Klientinnen und Klienten ist die Zahl der Hilfesuchenden im Vergleich zu den Vorjahren stabil geblieben. Immer mehr von ihnen wenden sich von sich aus an „Mädchen“ in Not. Sämtliche Übergriffe wurden von Männern begangen. Und: Die meisten Täter kommen aus dem engsten Umfeld – der Familie.

Wer sucht Hilfe?

Der Großteil der insgesamt 98 Hilfesuchenden ist weiblich (93). Die größte Gruppe ist die der 15- bis 18-Jährigen, wobei viele davon von Missbrauch im Kindesalter erzählten, wie Melissa Thor berichtet. „Es sind aber auch 24- und 25- Jährige darunter, die schon länger in einer Partnerschaft sind“, ergänzt Duygu Gözler. 43 Klientinnen und Klienten kommen aus dem Kreis Siegen-Wittgenstein, 34 aus der Stadt Siegen, neun aus Olpe. Bei 58 Prozent aller Taten handelt es sich um sexualisierte Gewalt.

Wer sind die Täter?

22 Beschuldigte sind Menschen aus dem Verwandtenkreis, die meisten davon (12) Väter oder „Vaterersatzpersonen“, also Lebensgefährten der Mutter etc. (4). Auch zwei Übergriffe durch andere Kinder wurden gemeldet. Die zweitgrößte Tätergruppe (18) ist die von beispielsweise Nachbarn und anderweitig engeren Bekannten. In sechs Fällen waren es die Partner der Klientinnen. Fremdtäter wurden zwei registriert – „obwohl man Kinder ja vor ihnen am meisten warnt“, gab Melissa Thor zu bedenken.

Der Zugang zur Beratungsstelle

„Sehr besonders“ ist der Beraterin zufolge, dass 25 „Selbstmelderinnen“ den Kontakt suchten – mehr als zuvor. „Das Thema hat viel an Öffentlichkeit gewonnen und ist in den Medien präsent“, so Thor. An zweiter Stelle (19) waren es Mütter, die sich erstmals an „Mädchen in Not“ wandten, 18 Mal die Schule. „Wir freuen uns, wenn Lehrer und Sozialarbeiter auf uns sensibilisiert sind.“ VAKS selbst betreut allein in Grundschulen rund 1000 Kinder. Geschäftsführer Michael Groß ist sicher: „Wir reden mit hoher Wahrscheinlichkeit über eine extreme Dunkelziffer.“ Wer Hilfe sucht, wendet sich oft zunächst via Telefon oder Mail an „Mädchen in Not“, bevor es zum persönlichen Kontakt kommt.

 

Wie arbeitet „Mädchen in Not“?

Im Schnitt kommt jede Klientin, jeder Klient etwa ein halbes Jahr lang regelmäßig zu Beratungsgesprächen. Vermittlung in Therapien findet in der Regel keine statt. Die Beraterinnen helfen Opfern sexueller Gewalt dabei, von zu Hause wegzukommen (wenn es sich dabei um das Tatumfeld handelt), sind mit dem Jugendamt in Kontakt, begleiten ihre Klientinnen bei Arztbesuchen oder Behördengängen. 

Prävention

Zum Angebot von „Mädchen in Not“ gehört auch Präventionsarbeit in Schulen, in erster Linie weiterführende Schulen und Grundschulen ab der vierten Klasse. Aber erst nach dem Sexualkundeunterricht und mit einigem Abstand – damit die Kinder etwas „eigentlich Schönes“ wie Sexualität nicht mit Missbrauch gleichsetzen, so Duygu Gözler. Doch auch wenn „Mädchen in Not“ nicht eben über eine Masse an Personal verfügt: „Es ist unser Interesse, dass sich viele Schulen melden. Wenn wir an die Grenzen stoßen, dann werden wir auch das Problem lösen“, versichert Groß.

Finanzierung & Team

Zum Beraterteam zählen die Sozialpädagoginnen Melissa Thor sowie Duygu Gözler, die sich in Mutterschutz verabschiedet und von Katharina Heinrich (ebenfalls vom Fach) vertreten wird. Dazu kommen eine Verwaltungs- und eine Raumpflegekraft – letztere werden fast ausschließlich über Spenden (Gözler: „Mindestens 30.000 Euro im Jahr“) finanziert. 90 Prozent der beiden Berater-Stellen werden vom Kreis und der Stadt Siegen getragen. Dr. Verena Lüttel hatte „Mädchen in Not“ vor fast 30 Jahren mehr oder weniger als Einzelkämpferin aus der Taufe gehoben und häufig auf die äußerst auf Kante genähte Finanzierung hingewiesen. VAKS als neuer Träger ist hingegen wesentlich breiter aufgestellt. „Wir sind weit davon entfernt, uns in irgendeiner Form zu beschweren“, so Michael Groß, der Gründerin Respekt zollend: „Ich ziehe alle Hüte vor dem Vorgängerverein, die ich aufhabe.“

Perspektive

„Wir versuchen, keine Warteliste zu führen“, so Duygu Gözler. „Manchmal wäre es toll, noch eine halbe Stelle mehr zu haben“, ergänzt sie lächelnd – um das Thema Prävention zu verstärken und sich besser um Bezugspersonen ihrer Klientinnen und Klienten kümmern zu können. Um Niedrigschwelligkeit zu gewährleisten, wäre es gut, auch im Nachbarkreis ein Angebot vorhalten zu können, überlegt Groß – „da ist vielleicht mit Olpe ein Gespräch zu führen“. Und auch wenn der Anteil der Jungen im Vergleich gering ausfallen mag: „Weit am Horizont sehe ich eine Beratungsstelle für Jungs.“ Als Schulsozialarbeiter habe er gesehen, was Missbrauch auch für sie bedeute: „Das zerschießt Lebensläufe.“

Informationen unter www.maedchen-in-not.de. Beratungen finden in der Moltkestraße in Kreuztal sowie in der Sandstraße 28 in Siegen statt, hier gibt es zweimal monatlich eine offene Sprechstunde – ansonsten nach Vereinbarung